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Wiener Spezialdemokraten

Pressespiegel Dietrich Kittner
Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit schickt sich der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) an, zu den revolutionären Wurzeln der Internationalen Arbeiterbewegung zurückzukehren: zum Kampf um die Arbeitszeit. Schon 1848 hatte die Februarrevolution in Frankreich den gesetzlichen Zwölfstunden-Arbeitstag erkämpft. Solch leuchtendes Beispiel läßt Österreichs Sozialdemokraten nicht ruhen. So etwas müßte doch auch heute möglich sein. Gegen den erbitterten Widerstand der reaktionären Fraktion Christlicher Gewerkschafter (FCG) in der Arbeitskammer (AK) und der ewig-vorgestrigen KPÖ, die am antiquierten, nun schon seit 23. November 1918 geltenden Achtstundentag festhalten wollen, unterstützen ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer (SPÖ), AK-Präsident Herbert Tumpel (SPÖ) und natürlich die »Fraktion sozialdemokratischer Gewerkschafter« (FSG) die Vorlage für ein neues, zeitgemäßes Arbeitszeitgesetz. Die Neuregelung ist – wie bei großen Koalitionen, also auch in Wien, üblich – durch Absprache zwischen den Regierungsparteien bereits so gut wie beschlossen und soll demnächst im Nationalrat verabschiedet werden. Das Gesetz wird dann künftig tatsächlich die Einführung eines regulären Zwölf-Stunden-Arbeitstages ermöglichen, selbstverständlich ohne Überstundenbezahlung oder sonstigen Sozialklimbim. Immerhin ein Erfolg im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit: 50 Prozent mehr Arbeit für Österreichs Werktätige!

Weil jedoch das Land laut Papst-Wort ex cathedra als »Insel der Seligen« gilt, wird die Ableistung der 60-Stunden-Woche entsprechend dringlicher Forderungen von Arbeitsmedizinern auf jährlich 24 Wochen, also jeweils ein halbes Jahr begrenzt. Nach aller unternehmerischen Logik wird der Arbeitnehmer die andere Hälfte des Jahres dann stempeln gehen dürfen. Also: Mehr Freizeit für alle!

Vielleicht liegt tiefenpsychologisch gesehen die Ursache des Geschehens noch in einem anderen Umstand. Herr und Frau Österreicher (gängiger Austriazismus; D.K.) hegen nämlich gegenüber dem »Altreich« ein durchaus gespaltenes Verhältnis: einerseits der große Bruder, andererseits die ewig besserwisserischen Piefkes. Wer in einem steirischen Beisl Durst, aber kein Geld hat, muß nur an der Theke einen verklärten Gesichtsausdruck annehmen und dann hingebungsvoll das Wort »Cordoba« hauchen. Da findet sich immer jemand, der einen ausgibt. (Im spanischen Cordoba hat vor Jahrzehnten die österreichische Fußball-Nationalmannschaft die deutschen Balltreter geschlagen!) Ins österreichische Nationalgefühl, das erfreulicherweise auf der immerwährenden Neutralität basiert, schleicht sich gelegentlich nämlich auch ein leiser Frust darüber, daß die Alpenrepublik abgesehen von Ski-Meisterschaften häufig ein wenig hinterherhinkt. (Nur beim großen Lauschangriff war man ein Jahr voraus.) Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, sagen sich die Wiener Spezialdemokraten vermutlich, wenn wir die selbstherrlichen Bundesdeutschen mit der Einführung der 60-Stunden-Woche nicht doch noch wenigstens auf dem Gebiet der in Österreich bisher chronisch niedrigeren Arbeitslosenquoten überholen könnten.

Doch jetzt beschleichen mich Skrupel, die Geschichte berichtet zu haben. Wenn sie bloß nicht Herr Merkel oder Frau Müntefering mitkriegen und künftig vom Modell Österreich schwärmen Â…

Erschienen in Ossietzky 13/2007