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Plädoyer für die Aufrechterhaltung der Besetzung

Pressespiegel Die Debatte von Rektor Töchterle mit den StudentInnen in der besetzen Sowi-Aula der Universität Innsbruck war beeindruckend. Dabei wurden grundlegende Fragen über den Auftrag einer Universität erörtert. Töchterle lobte die BesetzerInnen damals dafür, dass sie es geschafft haben, eine Bildungsdebatte zu initiieren, und sein Spruch, dass das, was im besetzten Hörsaal stattfindet, "Universität im besten Sinne" sei, stand in allen Zeitungen.

Doch seit einiger Zeit gibt es Gerüchte über Töchterle als Nachfolger von Hahn im Wissenschaftsministerium. Ob sie einen wahren Kern haben, lässt sich derzeit nicht genau eruieren. Töchterle ist nämlich Mitglied der Grünen, wenngleich er nicht alle Einstellungen seiner Partei mitträgt. Andererseits könnte er sich als Parteiloser für das Wissenschaftsministerium qualifizieren, wenn es ihm gelingt, die Studierenden dazu zu bringen, den Hörsaal freiwillig zu räumen. Dass er versucht, dieses Kunststück zu vollbringen, und dass der Senatsvorsitzende diesen Schachzug unterstützt, darf aus den Angeboten des Rektorats an die Studierenden gefolgert werden. Die Zugeständnisse des Rektorats sind folgende:

1. Eigene Homepage als Diskussionsplattform. Sie wird von VertreterInnen der HörsaalbesetzerInnen betreut.
2. Einmal pro Semester sollen HörerInnenversammlungen stattfinden, bei denen die Studierenden mit der Universitätsleitung über die Zukunft der Universität diskutieren.
3. Für Plena wird wöchentlich ein Hörsaal zur Verfügung gestellt.
4. Räume für Veranstaltungen
5. Arbeitskreis zur Verbesserung der Studienbedingungen.
6. Einrichtung einer kritischen Universität.

Das Angebot sieht zwar auf den ersten Blick nicht schlecht aus, doch die Mitbestimmung der Studierenden, die von Seiten des Rektorats eingeräumt wird, ist nicht rechtlich bindend und daher vom guten Willen des Rektors abhängig. Die Zugeständnisse, die das Rektorat gemacht hat, bewerte ich, wie folgt:

Ad 1.: Die Homepage, die als Diskussionsplattform dient, existiert bereits. Das Portal unsereuni ist ausbaufähig, doch dafür wird kein Zugeständnis des Rektorats benötigt.
Ad 2.: Schön, dass solche HörerInnenversammlungen künftig geplant sind, aber solche Debatten allein sind, wenn – wie schon erwähnt – kein gesetzlich geregelter Rechtsanspruch der Studierenden auf Mitbestimmung besteht, lediglich dazu da, das Image des Rektorats aufzupolieren.
Ad 3.: Derzeit finden die Plena täglich statt.
Ad 4.: Räume für Veranstaltungen werden bereits von der Universität bei Anmeldungen zur Verfügung gestellt. Dafür war keine Hörsaalbesetzung nötig.
Ad 5.: Es ist gut, dass das Rektorat eine Verbesserung der Studienbedingungen gewähren möchte und über die Verlängerung der Frist für die alten Studienpläne reden möchte.
Ad 6: Auch die Einrichtung einer kritischen Universität ist ein Schritt nach vorne, wenngleich noch nicht klar ist, wie diese eingerichtet werden soll.

Zusammenfassend muss man sagen, dass Angebot nicht leichtfertig vom Tisch zu wischen ist, doch wenn es um die Mitbestimmung der Studierenden geht, dann ist das Rektorat nicht der alleinige Adressat. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten für Studierende müssen rechtlich bindend sein, daher ist hier in erster Linie die Bundesregierung angesprochen. Die Universitätsräte, die in oftmals skandalöser Weise die Anliegen der Wirtschaft an der Universität umsetzen gehören abgeschafft und der kostenlose Zugang zur Universität für alle muss endlich umgesetzt werden.

Sollte Töchterle das Wissenschaftsministerium tatsächlich übernehmen, dann war es viel eher ein kluger Schachzug der Regierung, um die Proteste zu beenden, ohne auf die grundlegenden Forderungen der Studierenden einzugehen.

Dabei darf man durchaus einräumen, dass weder Töchterle noch Hajnal persönlich über die derzeit herrschende Bildungspolitik erfreut sind: Töchterle ist Professor für Klassische Philologie, ein Studienzweig, der immer mehr an Bedeutung verliert, seit Latein und Griechisch in der Schule nicht mehr unumgänglich sind. Dass sich die Latinistik in Innsbruck nicht nur mit antiken lateinischen Texten befasst, sondern auch mit lateinischen Texten, die in der Neuzeit verfasst wurden, ist durchaus auch sein Verdienst. Hajnal ist Sprachwissenschaftler, wobei sein Engagement dem Erhalt der Indogermanistik gilt. Indogermanistik ist eine Studienrichtung, auf die Bezeichnung „Orchideenfach“ (frei nach Grasser) nicht unzutreffend ist. Das Überleben kleiner Studienrichtungen, vor allem dann, wenn sie nicht unmittelbar die Interessen des Arbeitsmarktes befriedigen, hängt schon seit Jahrzehnten an einem seidenen Faden.

Auch muss man beiden zugute halten, dass sie die selbst die rechtlichen Möglichkeiten der Anrechenbarkeit von Prüfungen selbst stets zugunsten der Studierenden auslegen, was an der Universität Innsbruck durchaus keine Selbstverständlichkeit ist, wie nicht zuletzt Studierende der Politikwissenschaft berichten können.

Einige mögen sich über die Zugeständnisse freuen, und sehen das als einen Erfolg an, der nicht verspielt werden sollte. Diese Ansicht ist in diesem Falle allerdings gefährlich:

Wenn nämlich jetzt der Druck nachlässt, dann sind vielleicht ein paar kleine Zugeständnisse für Studierende dabei, aber diese sind wohl nicht von Dauer und haben lediglich kosmetische Wirkung. An der miserablen Bildungspolitik in Österreich ändert sich gar nichts. Zudem muss sich auf europäischer, ja sogar globaler Ebene die Bildungspolitik grundlegend ändern. Jetzt müssen endlich jedem und jeder die Türen zur Bildung weit offen stehen. Dafür wäre in Österreich die Einführung einer Gesamtschule ein wichtiger Schritt. Zudem brauchen wir eine Schule, die die Kinder individuell fördert und ihnen Lust auf Lernen macht, anstatt sie ihnen zu nehmen. Dafür muss Geld in die Hand genommen werden. Das geschieht aber nicht freiwillig, sondern nur wenn entsprechender Druck die PolitikerInnen dazu zwingt.

Roland Steixner