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Kirche, Kruzifix und Klassenzimmer

Standpunkte Kommentar von Roland Steixner
Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg, wonach Kruzifixe nicht in Schulklassen hängen dürfen, weil damit das Recht der Schüler auf Religionsfreiheit verletzt werde, ist nicht nur in Italien sondern auch in Österreich eine neue Kruzifixdebatte entbrannt.

FPÖ-Obmann Strache machte natürlich unter Verweis auf das „christliche Abendland“ sofort klar, dass er für die Beibehaltung des Kruzifixes im Klassenzimmer ist und gegebenenfalls ein Volksbegehren einleiten werde, sollte es zum Verschwinden der Kreuze aus den Schulen kommen.

Doch brauchen rechtskonservative WählerInnen nicht in die Arme der FPÖ laufen, um sicher zu gehen, dass ihren Kindern auch in Zukunft unter dem Kruzifix das schulische Wissen eingepaukt wird. Auch die ÖVP stellte klar, dass christliche Symbole in Klassenzimmern bleiben müssten und äußerte sich diesbezüglich bereits Finanzminister und Vizekanzler Pröll:

„Ich halte dieses Urteil für absolut verfehlt. Es ist pervers, Religionsfreiheit so zu interpretieren, dass es ein individuelles Recht für Atheisten und Religionskritiker gäbe, im öffentlichen Raum vom Anblick religiöser Symbole "befreit" zu sein. Wenn der Staat religiöse Symbole verbannt, ist er nicht neutral, sondern nimmt Partei für den Atheismus. Das kann ich nicht akzeptieren.“(Kurier 10.11.2009)

Damit auch die SPÖ nicht in Verdacht gerät, einem Laizismus das Wort zu reden, stellte auch Kanzler Faymann klar, dass er das Konkordat notfalls in die Verfassung schreiben werde, sollten die Kruzifixe in Österreichs Schulen durch das Urteil des EGMR gefährdet sein.

Angesichts einer solch (un)heiligen Allianz für die Beibehaltung der Darstellung eines antiken Hinrichtungsinstruments in Schulklassen sollte einmal die Frage gestellt werden, welche Gefahr die Verbannung von religiösen Symbolen für Kirche darstellt.

Gegen die Austrittswellen können auch zehn Kruzifixe pro Klassenzimmer nichts bewirken. Am Mitgliederschwund der katholischen Kirche ist in erster Linie die eigene unzeitgemäße Politik schuld:

Noch immer verdammt der Vatikan alle Arten der Familienplanung (einzig die Methode von Knaus-Ogino wurde bereits von Papst Pius XII am 29.10.1951 für tolerierbar erklärt, was wohl damit zusammenhängt, dass diese „Verhütungsmethode“ mehr Kinder erzeugt als verhindert). Weiters verdammt der Vatikan noch immer die gleichgeschlechtliche Liebe, obwohl auch ein großer Teil der Priesterschaft schwul ist. Dass die Kirche einerseits gleichgeschlechtliche Sexualität verdammt, während sie Fälle von Kindesmissbrauch, die von Seiten der offiziellen Organe der Kirche verübt werden, tabuisiert und somit die Opfer verhöhnt, dürfte ihr Ansehen ebenfalls nicht gerade steigern. Anstatt Antworten auf die Probleme der gegenwärtigen Zeit zu finden, müssen sich Kirchenmitglieder damit begnügen, dass der Vatikan am 20.04.2007 den limbus puerorum (die Vorhölle für ungetaufte Kinder) abgeschafft hat.

Während die Verbrechen, die im Namen der Kirche begangen wurden, Bände füllen, sorgen sich PolitikerInnen unterschiedlicher Couleur um den „Erhalt des christlichen Abendlandes“. Gerade diese Sorge um den Erhalt der Kirche und die Verunglimpfung von Atheisten wie sie Pröll und andere betreiben, zeigt den reaktionären Charakter der damit verfolgten Politik an.

In öffentlichen Räumen haben religiöse Symbole nichts verloren, was damit zus. Kirche und Staat sollten voneinander getrennt werden. Das Konkordat gehört nicht in der Verfassung festgeschrieben, sondern abgeschafft.

Um auf Prölls Äußerung zurückzukommen: Das ist der Witz am Begriff der Religionsfreiheit. Sie schließt nicht nur die freie Ausübung jedweder Religion mit ein, sondern auch die Nicht-Ausübung und selbstverständlich auch das Recht, diese zu kritisieren und im öffentlichen Raum nicht damit konfrontiert zu werden. AtheistInnen fordern ja nicht den Abriss von Kirchen, sondern lediglich, dass in einer öffentlichen Schule kein Kruzifix aufgehängt wird. Und: Wenn er die Kreuze nicht verbannt, dann ist der Staat erst recht nicht neutral sondern ergreift Partei für das Christentum.

Wer sich jedoch wie Faymann vor den Karren der Kirche spannen lässt, der stellt wieder einmal die politische Wendigkeit der Sozialdemokratie zur Schau. Die Sozialdemokratie ist dazu berufen, sich klar zum Laizismus zu bekennen, wenn sie sich als emanzipatorische Kraft versteht.

In Richtung der FPÖ kann nur gesagt werden, dass ihre neu entstandene Liebe zur katholischen Kirche geradezu pikant ist. Böse Zungen würden behaupten, dass die FPÖ die historische Rolle des Vatikans im Zusammenhang mit dem Faschismus und Nationalsozialismus endlich würdigt…

Roland Steixner ist Mitglied der Landesleitung der KPÖ-Tirol