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Die Identitären – oder wie man hip rechts sein kann

Pressespiegel Wer durch Innsbruck geht, dem fallen seit einiger Zeit gelb-schwarze Sticker auf, die mittlerweile Laternenpfähle, Ampeln und Gassisackspender verzieren. Es handelt sich um Material der „Identitären“. Sie sind neuerdings auch öffentlich einigermaßen präsent. Zuletzt auch bei der Kundgebung der IG-Arzl gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in der Traglufthalle im Arzler Gewerbegebiet. Da sie mittlerweile flüchtlingsfreundliche Veranstaltung mit ihrer Anwesenheit beehren, verdienen sie es, dass auch ihnen liebevolle Aufmerksamkeit zuteil wird. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Positionen der Identitären zu werfen. Auf ihrer Homepage sind ihre Positionen einsehbar. Auf den ersten Blick möchte man sie nicht für im klassischen Sinne rechtsextrem halten.

Drei Begriffe spielen in der Terminologie der Identären eine Rolle: „Identität“, „Der Große Austausch“, „Asylkrise“. Abgesehen vom „Großen Austausch“ ist kein Begriff unbekannt. Es lohnt sich aber, die Sichtweise der Identitären deutlich zu machen, anhand von dem was sie selbst zu diesen Kernbegriffen schreiben.

Vom Begriff „Identität“ leiten die Identitären ihre Selbstbezeichnung ab. Identität hat ihrer Ansicht nach drei Ebenen: eine regionale, eine nationale und eine zivilisatorische (Kulturkreis). Da sie ihren Angaben zufolge alle drei Ebenen berücksichtigen, geht demnach der Vorwurf eines Nationalismus, der über regionale Minderheiten drüberfährt, am Kern ihrer Positionen vorbei. Sie befürworten kulturelle Vielfalt und sehen sich nicht als Rassisten. Das mag in gewisser Weise auch zutreffen.
Nun kann man gegen den Erhalt einer kulturellen Vielfalt ja kaum etwas haben. Weltweit sterben Sprachen aus, weltweit sterben Kulturen aus. Uns geht dadurch ein unvorstellbarer kultureller Reichtum verloren. Ja, auch bei uns sterben die Dialekte und Bräuche aus und das Bestreben, diese zu erhalten, ist legitim. Nicht nur weil jeder Mensch ein Recht auf sein eigenes kulturelles Erbe hat, sondern auch weil sich aus den Kenntnissen von lokalen Eigenheiten Erkenntnisse über globale Zusammenhänge gewinnen lassen.
Dennoch muss die Definition von Identität stutzig machen. Denn der Begriff „Identität“ ist zu eng gefasst, da sie im Wesentlichen als ethnisch aufgefasst wird. Es geht nicht um die Frage, ob die Identitären kulturellen Austausch angeblich grundsätzlich begrüßen und damit nicht die Dummheit der völkischen Nationalisten wiederholen wollen. Vielmehr besteht das Problem des Identitätsbegriffes der Identitären darin, dass sie soziale und gesellschaftliche Identitäten ausblenden und einen starren Kulturbegriff besitzen. Ihr Begriff einer zivilisatorischen Identität suggeriert, dass es eine europäische Identität gebe, die als eine Einheit gedacht wird und der orientalischen oder afrikanischen gegenübergestellt wird.

Die europäische Kultur ist gemäß der Darstellung der Identitären durch die massenhafte Zuwanderung bedroht. Derzeit findet demnach „der Große Austausch“ statt. Offenkundig sind die Begriffe „Umvolkung“ und „Überfremdung“ dermaßen negativ belastet, dass man dafür einen hipperen Begriff suchen wollte. Sinngemäß ist aber das gleiche damit gemeint. Die Zuwanderung führe aufgrund der niedrigen Geburtenrate der Bevölkerung Europas dazu, dass die Migrant_innen eines Tages die Mehrheit in Deutschland und Österreich stellen würden, sodass diese Länder eines Tages mehrheitlich islamisch würden und die Scharia drohe.
Nun ist nicht von der Hand zu weisen, dass Migrant_innen eine höhere Geburtenrate aufweisen. Doch die Annahme, dass gemäß der derzeitigen Entwicklung der Untergang des Abendlandes drohe, ist dennoch verfehlt. Denn diese ist zwar etwas höher, dennoch liegt die Fertilitätsrate migrantischer Frauen unter 2 im Jahre 2015 und damit weiterhin in einem Bereich, der eine Explosion der migrantischen Bevölkerung unmöglich macht, wie aus statistischen Erhebungen hervorgeht. https://www.destatis.de/DE/PresseServ...8_126.html
Auch in Österreich war übrigens die Geburtenbilanz 2015 positiv, wobei hier keine gesonderten Zahlen für Bevölkerung mit Migrationshintergrund ausgewiesen sind. Allerdings wird deutlich, dass das Verhältnis der Fertilitätsrate von Inländer_innen und Migrant_innen dem in Deutschland entspricht.
http://diepresse.com/home/bildung/erz...rate-nicht
http://kurier.at/chronik/oesterreich/...35.498.172
Hinzu kommt, dass sich die Fertilitätsraten von Frauen mit Migrationshintergrund in der zweiten und dritten Generation der der einheimischen Frauen angleicht. Der Untergang des Abendlandes durch einen „Großen Austausch“ ist unbegründet. Die Angst, dass der Islam bald zur Staatsreligion wird, ist wohl ziemlich unbegründet. Zwar könnte das Christentum zu einer Minderheitsreligion werden, aber weniger aufgrund des Islams als vielmehr aufgrund der Tatsache, dass die Kirche an Unterstützung in der Bevölkerung verliert. Dass sich das Europa auch demographisch wandelt, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. Der Untergang des Abendlandes droht allerdings nicht.
Die durchschnittliche Fertilitätsrate pro Frau liegt weltweit derzeit bei 2,5 Kinder pro Frau, Tendenz sinkend. Auch Frauen in weniger entwickelten Ländern bekommen heute weniger Kinder als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dieselbe Tendenz besteht auch in der „islamischen Welt“. Auch dort sinken die Fertilitätsraten. In Syrien, Ägypten, Saudi-Arabien liegt die Fertilitätsrate etwa bei 3 Kindern pro Frau. Der Iran streicht aus Angst vor Bevölkerungsrückgang die Subventionen für Verhütungsmittel und Erdogan missfällt die Tatsache, dass die Fertilitätsrate der Türkei auch nur bei rund 2 Kindern pro Frau liegt. Frauen bekommen immer häufiger dann Kinder wenn sie es für richtig halten und immer seltener, weil eine Ideologie ihnen vorschreibt, dass sie Kinder bekommen sollen. Auch wenn die Geburtenrate in den besagten Ländern immer noch relativ hoch ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch dort die Bevölkerung stagniert.

Doch wenn schon die langfristige Entwicklung nicht darauf hindeutet, dass Europa islamisiert wird, so muss das doch jetzt aufgrund der „Asylkrise“ der Fall sein, die doch scheinbar einer Völkerwanderung in großem Maßstab gleicht. Die Migrationswelle, die durch Krieg und Terror in Syrien, Afghanistan, dem Irak verursacht wird, ist gemäß der Identitären eine Bedrohung vor der wir uns und die europäische Kultur schützen müssten. Die Globalisierung führt zur Vermischung der Kulturen. Man kann das bedauern, aber es ist ein Fakt. Während die westliche Welt ihre Kolonien über die ganze Welt verstreut hat, kommen nun aufgrund der Außenpolitik der Mitgliedstaaten der EU, der EU insgesamt und der USA die Menschen aus den Kriegsgebieten zu uns. Globalisierung ist keine Einbahnstraße. Wer glaubt, dass die Menschen freiwillig dort bleiben, wo sie keine Perspektiven haben, ist naiv. Auch Zaune und Küstenwachen werden die Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, aufhalten können, um das zu erkennen, muss man kein „Gutmensch“ sein. Es gibt nur eine Möglichkeit, um unerträgliches Leid zu verhindern: Grenzen auf!
Ja die Identitären sagen auch, dass der Krieg in Syrien im wesentlichen durch den Westen verursacht wurde und es ist auch richtig, dass die Migrant_innen als „Humankapital“ betrachtet werden. Dabei verkennen sie und untertreiben sie die Tatsache gewaltig: Die EU zerstört mit ihrer derzeitigen Außenpolitik die Potentiale unzähliger Volkwirtschaften und überschwemmt die dortigen regionalen Märkte mit subventionierten Waren. Umgekehrt dienen Entwicklungsländer als Rohstoffliferanten und Anbauflächen für Waren, die zum Spottpreis nach Europa abgesetzt werden. Die Migrant_innen als „Humankapital“ zu bezeichnen, verkennt schlicht die Tatsache, dass zur Erzeugung dieses „Kapitals“ nichts investiert wurde. Es handelt sich um Menschen, die als ein Rohstoff betrachtet wird, der nach Belieben verbraucht werden kann. Der treffendere Begriff dafür ist „human ressources“. Und als Material werden die Flüchtlinge auch in Europa behandelt. Auch die Seite des Kapitals, die derzeit Lobbyismus für die „Willkommenskultur“ macht, betrachtet diese Menschen nur als Menschenmaterial, das zum beliebigen Gebrauch hereingelassen werden kann.
Indem die Identitären aber mit ein paar Sätzen auf diese Tatsache anspielen, gerieren sie sich als Menschenfreunde. Doch die Forderungen, die sie in diesem Zusammehang stellen, zeigen, dass ihr Mitgefühl für die Flüchtlinge nur vorgetäuscht ist.
Hätten sie doch wenigstens den Ersten Punkt an letzte Stelle gesetzt! Wenn man schon glaubt, dass die Grenzen dicht gemacht werden müssten, dann sollten sie damit doch wenigsten so lange warten, bis der Krieg vorbei ist und die Menschen dorthin zurück können. Da aber offenbar die Identitären selbst einsehen, dass das Ende der Not in den Krisenländern bei den derzeitigen globalen Machtverhältnissen ein Wunsch an den Weihnachtsmann ist und die EU eher alle Grenzen abriegelt, bevor sie ihre gesamte Außern- und Entwicklungspolitik umkrempelt, fordern sie die Abriegelung der Grenzen, was noch mehr Tote an den Außengrenzen zur Folge hat. Die Identitären deklarieren offen ihre Unterstützung für die australische No-Way-Politik, die an Zynismus nicht zu überbieten ist, wo doch Australien selbst durch Einwanderer besiedelt wurde, die die indigene Bevölkerung gnadenlos bekämpft und zurückgedrängt haben. Die Unterstützung für die Grenzpolitik Ungarns, in dem Antiziganismus mittlerweile zum guten Ton gehört, verdient keinen weiteren Kommentar.

Egal! Mission erfüllt, Abendland „gerettet“! Jetzt müssen „unsere Frauen“ endlich dazu gebracht werden, mehr Kinder zu bekommen. Denn schließlich gehört die Gegend von „Gutmenschen“ gesäubert. Der Teil der Nachbarschaft, der weiß, dass der größte Teil der Vergewaltigungen immer noch im häuslichen Umfeld der Angehörigen und näheren Bekannten der Opfer geschieht, gehört auch noch ausgetauscht! Egal, ob einheimisch oder nicht! Wir sind ja keine Rassisten! Wo kommen wir denn da hin, wenn sich da Leute einfach erdreisten, den „patriotischen Grundkonsens“ in Frage zu stellen?! Das mit dem Vergewaltigen wollen wir schon selber machen dürfen, denn es sind ja schließlich „unsere Frauen“!

Roland Steixner