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Dahoam bleiben

Sozial "Dahoam bleiben" ist in aller Munde. "Dahoam bleiben" heißt es in den sozialen Medien. "Dahoam bleiben" steht auf den Infoscreens der Innsbrucker Verkehrsbetriebe. Die Menschen werden dazu angehalten, zuhause zu bleiben, um die Verbreitung des Krankheitserregers von Covid-19 einzudämmen. Was aber bedeutet das aber für die Menschen, an die der Appell gerichtet ist? Ist es für alle gleich schwer oder gleich einfach diesem Appell Folge zu leisten? Eines vorweg: Der Appell ist grundsätzlich richtig und notwendig. Unter der Voraussetzung, dass wir einen Kollaps des Gesundheitswesens verhinder wollen, gibt es keine Alternative zu der massiven Einschränkung der Bewegungsfreiheit, der wir gerade unterworfen sind. Denn derzeit gibt es gegen das SARS-CoV-2 weder ein adäquates Medikament noch einen Impfstoff. Jede*r könnte das Virus tragen und weiterverbreiten. Die Sterblichkeitsrate des Virus wird auf ca ein bis zwei Prozent geschätzt. Etwa einer oder zwei von hundert Infizierten stirbt an den Folgen der Infektion. Damit ist die Letalität von Covid-19 etwa zehnmal so hoch wie die der gewöhnlichen Influenzaviren. Eine Diskussion darüber, ob Covid-19 gefährlicher sei als die Grippe, ist überflüssig. Sie verkennt, dass es einen massiven Unterschied gibt zwischen den saisonalen Grippeviren und einer ausgewachsenen pandemischen Grippe. Die Spanische Grippe, die vor rund hundert Jahren wütete und eigentlich aus den USA stammte, war in Hinblick auf die Letalität wohl deutlich verheerender als Covid-19. An ihr starben etwa 50 Millionen Menschen. Bei einer Weltbevölkerung von rund 1,7 Milliarden waren das etwa drei Prozent. Freilich unter ganz anderen Voraussetzungen als heute. Eine intensivmedizinische Behandlung, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Der wesentliche Unterschied zu Covid-19 in Hinblick auf die Auswirkungen liegt jedoch darin, dass die Spanische Grippe in erster Linie für junge Erwachsene besonders letal war, da sie bei diesen zu tödlichen Überreaktionen des Immunsystems führten. Covid-19 ist hingegen in erster Linie für Menschen über 65 eine erhebliche Lebensgefahr. Schon jetzt wissen wir, dass Covid-19 wirklich den Kollaps des Gesundheitswesens verursachen kann. Wir haben in Österreich eine Kapazität von rund 7,5 Betten pro 1000 Einwohner. Diese sind aber derzeit bereits jetzt zu rund 80 Prozent ausgelastet. Infektionen mit SARS-CoV-2 verlaufen zu rund 80 Prozent relativ milde bis moderat. Etwa 15 Prozent der Erkrankungen verlaufen schwer und etwa fünf Prozent der Erkrankten braucht intensivmedizinische Betreuung, einschließlich einer künstlichen Beatmung. Die Anzahl der Intensivbetten und der verfügbaren Beatmungsgeräte ist begrenzt und weitaus geringer als die Bettenanzahl insgesamt. Wenn die Anzahl derjenigen, die auf künstliche Beatmung angewiesen sind, die Anzahl der Beatmungsgeräte übersteigt, muss das medizinische Personal entscheiden, wen es rettet und wer sterben muss. Infektionskurven haben haben die Eigenschaft, relativ steil zu sein. Vor allem dann, wenn es sich um ein Virus handelt, das sich dermaßen rasch verbreitet. Die Reduktion der Kontakte dient vor allem dem Zweck, Zeit zu gewinnen. Zeit, um die Kapazitäten des Gesundheitswesens massiv aufzustocken, Zeit, um vielleicht ein passendes Medikament oder gar einen Impfstoff zu finden. "Dahoam bleiben" ist somit ein kollektiver Akt der Solidarität mit denjenigen, die an Covid-19 aller Wahrscheinlichkeit sterben würden, wenn das Gesundheitswesen überlastet ist.

Doch "Dahoam bleiben" ist zwar ein Appell an alle, aber er bedeutet nicht für alle dasselbe. Für eine vierköpfige Familie in einem Haus im Grünen mit großem Garten bedeutet es eine Zeit des Rückzugs. Vielleicht wird der Bürojob auch auf Home-office umgestellt. Da einige Bereiche und Termine ohnehin auf Eis gelegt sind, kann man sich den den Kindern widmen, die nun im Heimunterricht gefördert werden.

Für eine vierköpfige Familie in einer 70-Quadratmeter-Wohnung ohne Garten und Balkon sind die Verhältnisse dann schon beengter. Wenn die Spielplätze auch noch geschlossen sind, und eine Ausgangssperre gilt, dann ist es wohl für die Familie auf Dauer kaum auszuhalten.

Für Leute, die in systemerhaltenden Berufen weiterhin tätig sind, bedeutet "Dahoam bleiben", dass sie zwar im Berufsleben dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, aber privat sollen sie sich dann in die teilweise beengten Wohnverhältnisse verziehen. Anstecken darf man sich nur mehr im Job. Schutzmasken im Lebensmittelhandel sind tunlichst zu meiden, damit nur ja keine Panik bei den Kund*innen aufkommt. Das individuelle Risiko, das eine Angestellte mit "russisch Roulette" treffend charakterisiert, ist dabei nebensächlich. Auf private Treffen soll aber gefälligst verzichtet werden. Da könnte sich ja jemand anstecken, der in Krisenzeiten dringend gebraucht wird. Gerade viele Frauen sind in diesen "systemerhaltenden" Jobs tätig. Und "Dahoam bleiben" tun sie nur, um ihre Arbeitskraft wiederherzustellen und sich um die Kinder zu kümmern, die nun je ebenfalls "Dahoam bleiben". Bei schönstem Frühlingswetter.

Für alleinstehende ältere Menschen bedeutet "Dahoam bleiben" mitunter einen totalen Kontaktverlust. Für Menschen mit Fernbeziehungen ist der Zustand deprimierend. Für Menschen mit Depressionen ist der jetzige Zustand katastrophal. Opfer häuslicher Gewalt sind ihren Tätern noch mehr ausgesetzt. Auch für Kinder und Jugendliche ist die Corona-Krise mit massiven Einschnitten ihrer Bewegungsfreiheit verbunden. Freund*innen nicht sehen zu dürfen und auf diverse Freizeitaktivitäten zu verzichten, ist bitter.

Und Wohnungslose haben überhaupt kein "Dahoam", in dem sie bleiben könnten. Wohin sollen sie sich denn zurückziehen, wenn eine Ausgangssperre herrscht? In Örtlichkeiten, wo ebenfalls eine hohe Ansteckungsgefahr besteht?

Derzeit ist Empörung über diejenigen, die die Ausgangssperre nicht einhalten, besonders modern. Sie ist teilweise gerechtfertigt. Es ist klar, dass wir alle dazu angehalten sind, sich an die Kontaktsperre zu halten. Es ist aber auch zu berücksichtigen dass die Voraussetzungen, um diese einzuhalten, nicht für alle dieselben sind. Wichtiger ist es hier, einen kritischen Blick auf das aktuelle Verhalten zu werfen, anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Statt moralische Selbstgerechtigkeit zu üben und mit gutem Gewissen das Neobiedermeier abzufeiern, sollten wir gerade im Hinblick auf den aktuellen Imperativ die Größe des "Dahoam" ins Blickfeld zu rücken. In Österreich gibt es rund 45 Quadratmeter Wohnraum pro Kopf, in Tirol sind es rund 43. Wäre dieser gleichmäßig verteilt, hätten alle ein einigermaßen geräumiges "Dahoam" in dem sie im Krisenfall bleiben könnten. Der krisenbedingte Jobverlust der bereits über 100 000 Menschen ereilt hat, ist natürlich ein massives finanzielles Problem. Viele drohen nun das "Dahoam" zu verlieren, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können. Und viele befürchten, dass ihr "Dahoam" kalt bleibt, weil sie sich die gestiegenen Strompreise nicht mehr leisten können. Bei den Bilanzgewinnen von über 20 Millionen Euro im Jahr müssten die Innsbrucker*innen eigentlich von den Innsbrucker Kommunalbetrieben etwas zurückbekommen, anstatt für den Strom noch tiefer in die Tasche zu greifen. Es ist nun die Aufgabe der Politik, mit einem expliziten Delogierungs- und Stromabschaltungsverbot dafür zu sorgen, dass die Leute wenigstens "Dahoam bleiben" können, wenn sie schon "Dahoam bleiben" sollen.

Auch darüber muss in der aktuellen Krise jetzt mehr und mehr gesprochen werden.


https://de.wikipedia.org/wiki/Spanisc...ite_note-1

https://www.wienerzeitung.at/nachrich...aetzt.html

https://www.indexmundi.com/g/r.aspx?v...7&l=de

https://de.statista.com/statistik/dat...undesland/

https://www.salzburg24.at/news/oester...e-85289497