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Gedanken zum Weltgesundheitstag

Standpunkte Der 7. April 2021 ist sowohl Weltgesundheitstag unter Motto "Gesundheitliche Chancengleichheit" (Health Equity) als auch der österreichische Erschöpfungstag, d.h. der Tag im Jahr, an dem sämtliche Ressourcen aufgebraucht sind, die in Österreich einem Jahr generiert werden können. Dieser Zeitpunkt ist trotz der pandemiebedingten Lockdowns im Jahr 2021 um zwei Tage früher erreicht als 2019. Würde die Menschheit weltweit so viele Ressourcen verbrauchen wie Österreich, dann bräuchte es zur Bedarfsdeckung mehr als drei Erden. Besonderer Treiber des Resourcenverbrauchs ist dabei der Flächenverbrauch, bei dem Österreich EU-weiter Spitzenreiter ist. Obgleich pro Kopf mehr als 45 Quadratmeter Wohnfläche vorhanden wären und die Pro-Kopf-Wohnfläche weiterhin steigt, können sich viele Menschen keinen angemessenen Wohnraum mehr leisten. Der Bauboom löst die Wohnungsfrage also nicht. Denn hierbei handelt es sich um ein strukturelles Problem.

Erschöpft ist pandemiebedingt auch die Bevölkerung. Der monatelange Dauerlockdown der im Osten Österreichs nun wieder verschärft wurde, zehrt an den Nerven. Die Hoffnung ist die Impfung, wobei ausgerechnet ein Impfstoff, der ein zentraler Bestandteil der Impfkampagnen in den EU-Staaten ist, in Verruf geraten ist. Das gehäufte Auftreten von Sinusvenenthrombosen im Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung ruft Skepsis hervor. Wurde der Impfstoff ursprünglich nur für Personen unter 65 zugelassen, empfiehlt die Stiko in Deutschland, diesen künftig nur für Personen über 60 einzusetzen. Es steht zwar außer Frage, dass dies Fälle immer noch verhältnismäßig selten sind und der Nutzen das Impfrisiko generell bei weitem überwiegt, aber gerade bei jüngeren Altersgruppen ist das Verhältnis von Nutzen und Risiko nicht ganz so günstig, sodass auch die Impfkommission in Großbritannien den Impfstoff mit dem neuen Namen Vaxzevria nur mehr für Menschen ab 30 empfiehlt. Auch die EMA konnte eine Journalistenfrage nach dem spezifischen Nutzen-Risikoverhältnis dieses Impfstoffes bei Frauen unter 60 nicht zufriedenstellend beantworten. Das Vermarktungsdebakel des Oxford-Impfstoffs ist also perfekt. Mit Rückschlägen in der Impfkampagne war aber zu rechnen. Genau davor haben zahlreiche Wissenschafter*innen auch in den vergangenen Monaten gewarnt, als die Politik das Ende der Pandemie schon in greifbarer Nähe wähnte und vollmundige Öffnungsversprechen machte. Das macht müde.

Das Motto des diesjährigen Weltgesundheitstags wirft das Licht auf den Zusammenhang auf den Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Gesundheit. Denn in den meisten Fällen besteht eine enge statistische Korrelation zwischen Armut und Krankheit. Menschen mit niedrigerem Einkommen werden schneller krank und sterben früher. Von dieser Regel weicht auch Covid-19 nicht ab, auch wenn diese Krankheit in erster Linie für Ältere besonders tödlich ist und bei Kindern und Jugendlichen in etwa so gefährlich scheint wie die saisonale Grippe. Dennoch zeigen die exorbitanten Todesfallzahlen in Brasilien (innerhalb eines Jahres starben über 300 000 Menschen an oder mit Covid-19), dass das Virus auch in einem Land, dessen Medianalter dem globalen Durchschnitt entspricht, eine verheerende Wirkung hat. Nicht zuletzt deshalb, weil der Zugang zu intensivmedizinischer Versorgung prekärer ist als etwa in Österreich. Menschen, die hierzulande bei bestmöglicher intensivmedizinischer Versorgung eine realistische Überlebenschance hätten, müssen dort qualvoll sterben, wo der Zugang zur Gesundheitsversorgung fehlt.

Die Vorerkrankungen, die einen schweren oder tödlichen Verlauf triggern, sind unter Menschen mit geringerem Einkommen häufiger. Dazu gehören etwa Bluthochdruck und Diabetes. Gerade Menschen mit niedrigem Einkommen arbeiten oft in Jobs, wo sie sich schlechter vor Covid-19 schützen können und leben öfter in überbelegten Wohnungen, was wieder das Ansteckungsrisiko erhöht. Gleichzeitig kann auch eine scheinbar glücklich überstandene Infektionen längerfristige Folgeschäden mit sich bringen, die erst allmählich erfasst werden.

Gleichzeitig stellen auch die seit einem Jahr andauernden Seuchenschutzmaßnahmen in ihren unterschiedlichen Eskalationsstufen eine empfindliche Einschränkung der Lebensqualität vieler Menschen dar. Das liegt nicht nur an den sozialen Härten, die sie provozieren unter den gegebenen Umständen nur unzureichend abgefedert werden, sondern auch an den Maßnahmen selbst. Sie sind vielleicht ein paar Wochen auszuhalten, aber wenn sie Monatelang andauern ohne absehbares Ende, dann stürzen sie die Gesellschaft in eine kollektive Depression. Gerade für Jugendliche, deren Zeithorizont ein anderer ist, sind diese Maßnahmen ein Alptraum. Die Bereitschaft, sie einzuhalten, sinkt, da sie auf Dauer nicht mehr lebbar sind.

"Mit dem Virus leben" geht unter den aktuellen Bedingungen nicht. Nicht nur in Hinblick auf die unmittelbare Gefahr, die von Covid-19 ausgeht, gibt es zur Eindämmung der Epidemie keine humane Alternative, sondern auch, weil eine Überlastung des Gesundheitswesens auf Kosten aller übrigen Patient*innen geht. Im ersten Lockdown wurden zahlreiche Operationen verschoben, weil man den großen Ansturm auf die Kliniken fürchtete. Jetzt müssen etwa Krebsoperationen verschoben werden, weil die Kapazitäten nun tatsächlich durch die Covid-19-Patient*innen gebunden sind. Schon bisher waren Krankenhausbetten nicht einfach so frei, sondern großteils belegt. Der Flaschenhals ist das Personal, das nicht erst seit einem Jahr Pandemie unter Dauerstress steht. Die "weiche" Triage findet längst statt: Wer nicht absolut dringend behandelt werden muss, muss warten. Das kann dann unter Umständen zu lange dauern. Obendrein verheizen wir mit der aktuellen "Strategie" die "Ressource" Pflegepersonal, von denen weitere den Job an den Nagel hängen wollen und werden. Der Gedanken, jetzt die Gaststätten zu öffnen, weil vielleicht 100 Intensivbetten "frei" sind, ist kurzsichtig dum und zynisch und geht ebensowenig auf wie die halbherzige Klimapolitik, die davon ausgeht, dass das Klima problem gelöst wäre, wenn wir alle statt normalen Autos auf einmal E-Autos führen.


Mit Sicherheit wird diese Pandemie nicht die letzte gewesen sein. Daher sollten wir schon jetzt festhalten, was für künftige Ereignisse lernen sollten: Prävention muss einen weitaus größeren Stellenwert erhalten. Wir sollten hierbei lernen, warum Australien, Neuseeland, China, Taiwan, Thailand, Vietnam, Südkorea, Japan, aber auch Kuba und sogar Finnland und Norwegen mit bislang im Verhältnis zur Bevölkerungsentweiclung wesentlich geringere Todeszahlen haben als Österreich und Deutschland und sich dennoch nicht in einem Dauerlockdown befinden. Diese Länder müssen doch etwas richtig gemacht haben.

Zu guter Letzt ist festzuhalten, dass es neben Covid-19 auch noch andere Krankheiten gibt, die am Weltgesundheitstag nicht aus dem Blickfeld geraten sollten. So sind Tuberkulose und Hepatitis die Evergreens unter den Infektionskrankheiten, im weltweiten Bodycount auch weiterhin Covid-19 fast das Wasser reichen können. Auch AIDS ist nicht verschwunden. Aufgrund von Covid-19 verzögerte Impfkampagnen könnten erneute Masern- und Polioausbrüche zur Folge haben. Auch die Malariaprophylaxe darf im Schatten von Covid-19 nicht unter die Räder kommen.

Ein Mathematiker hat errechnet, dass sämtliche weltweit vorhandenen Exemplare von SARS-CoV-2 in eine Coladose passen würden, So findet auch die Pandorabüchse aus dem Prometheus-Mythos in frappierender Weise ihr Pedant im profanen Dasein. Offenkundig ist die "Allbeschenkte" mit ihrer Büchse nicht nur einmal gekommen, sondern sie stattet uns von Zeit zu Zeit einen Besuch ab, um uns die neueste unheilbringende Gabe zu überbringen. Das nächste Mal sollten wir auf Prometheus' Rat beherzigen und Pandora zu den Göttern zurückschicken.

Roland Steixner

https://www.weltgesundheitstag.de/cms...gleichheit

https://oberoesterreich.bodenbuendnis...ag-at-2021

https://kurier.at/politik/inland/eart.../401007236

https://www.sn.at/panorama/wissen/bod...n-39137911

https://de.statista.com/statistik/dat...ngestiegen.

https://www.mdr.de/wissen/astrazeneca...t-100.html

https://gth-online.org/wp-content/upl...2_2021.pdf


https://www.n-tv.de/panorama/Grossbri...75546.html

https://www.pharmazeutische-zeitung.d...ia-124742/

https://www.geo.de/wissen/23990-rtkl-...-cola-dose