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Burschenschaften

Antifa Was sind Burschenschaften und als was begreifen sich Burschenschaften? Auf der Homepage der Deutschen Burschenschaft können wir folgendes lesen: "Vor rund zwei Jahrhunderten - im Jahre 1815 - begann die Geschichte der Burschenschaft als revolutionäre Bewegung für die Freiheit und Einheit der Deutschen Nation, gegen feudale Kleinstaaterei, für Meinungsfreiheit und Mitbestimmung des Bürgers in der Politik." Damit nimmt die Deutsche Burschenschaft auf die Gründung der Urburschenschaft in Jena Bezug, die am 12. Juli des oben genannten Jahres stattgefunden hat.
Diese Urburschenschaft war im Vergleich zu den Landsmannschaften, aus denen sie hervorgegangen waren, tatsächlich ein Fortschritt. Denn diese setzte Schikanen von jüngeren Studenten durch ältere gewisse Grenzen und stellte klare Regeln für die Austragung der Mensuren auf. Der Patriotismus war als Reaktion auf die französische Besatzung sehr weit verbreitet. Und so war es kein Wunder, dass zu dieser Zeit sogar fortschrittlich denkende Menschen in dieser Urburschenschaft organisiert waren. Unter anderem auch der Dichter Heinrich Heine.
Unter den 35 Grundsätzen und 12 Beschlüssen des Wartburgfestes, welches am 18. Oktober 1817 in Eisenach stattfand, sind Positionen zu finden, die grundsätzlich als fortschrittlich zu betrachten sind, insbesondere vor dem Hintergrund des damaligen historischen Kontextes:
"Das erste und heiligste Menschenrecht, unverlierbar und unveräußerlich, ist die persönliche Freiheit. Die Leibeigenschaft ist das ungerechteste und verabscheuungswürdigste, ein Gräuel vor Gott und jedem guten Menschen." (Grundsatz 28)
"...Der Mensch ist nur frei, wenn er auch die Mittel hat, sich selbst nach eigenen Zwecken zu bestimmen." (Grundsatz 29)
Es sind die Ideen der Aufklärung und bürgerlich liberale Inhalte. Doch dieser Liberalismus hatte schon damals enge Grenzen. Schon 1820 merkte Heinrich Heine kritisch an:
"Auf der Wartburg hingegen herrschte jener unbeschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als der Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissendheit nichts besseres zu erfinden wusste, als Bücher zu verbrennen."
Ganz abgesehen davon, dass sich die Burschenschaft als die Brutstätte der künftigen Eliten betrachtete und daher auch Begriffe wie Freiheit und Gleichheit nur im Kontext ihres privilegierten Klassenstandpunktes zu deuten wusste und selbstverständlich den "bürgerlichen Rechtshorizont" (Marx) nicht zu transzendieren vermochte, war der völkische Nationalismus in der Burschenschaft von Anfang an ein maßgeblicher Bestandteil der Ideologie der Burschenschaft.

Juden (wie etwa Heine) galten als staatenlos und suspekt, und so war es klar, dass der Hass gegen das, was nicht in diese Kategorie passte, an diesen entlud. Außerdem konnte dieser neue, völkische, Antisemitismus unmittelbar an den christlichen Antisemitismus anknüpfen, der auf einer jahrhundertealten Tradition fußt und gerade auch hierzulande durch Guarinonis erfundene Ritualmordlegende weite Verbreitung erfuhr.

Den Grundsätzen von Wartburg fehlt natürlich jegliches Bewusstsein für den Interessenskonflikt zwischen den unterschiedlichen sozialen Klassen und Frauen waren ohnehin nicht mitgemeint.
Nachdem "die Sicherheit des Eigentums" (Grundsatz 20) festgesetzt ist, bleibt kein Platz für die Austragung dieses Konfliktes. Mit der "Sicherheit des Eigentums" ist selbstverständlich auch das Privateigentum an Produktionsmitteln mitgemeint. Die Befreiung von der Leibeigenschaft hat sich mittlerweile auch erledigt. Stattdessen schreiben wir das Zeitalter der Lohnsklaverei.

Somit bleibt für diejenigen, die den bürgerlichen Klassenstandpunkt nicht verlassen, der Weg nur in zwei Richtungen begehbar. Einerseits in Richtung Wirtschaftsliberalismus, der in der Akkumulation des Kapitals bei einer kleinen Minderheit ein ehernes Gesetz erkennt, dessen Bruch einem Sakrileg gleichkäme, andererseits in Richtung faschistische Volksgemeinschaft, deren Mitglieder gegenüber den anderen privilegiert sind, die nicht dazu gehören (egal ob es nun MigrantInnen, Sinti und Roma, "Asoziale" oder JüdInnen sind).
Der Unterschied zwischen dem Faschismus und dem Wirtschaftsliberalismus besteht in der Frage, wer auf welche Weise auszuschließen ist. So verwundert es auch nicht, dass sich diese beiden Strömungen nicht grundsätzlich ausschließen, sondern durchaus gut miteinander kombinierbar sind, ja sogar am besten miteinander kombiniert werden.

Da die Fraktion des Kapitals ein Mittel benötigt, die Auszubeutenden gefügig zu machen, muss sie dafür sorgen, dass die Massen damit beschäftigt sind, die "Fremdkörper" in der "Volksgemeinschaft" auszugrenzen, damit sie nicht "auf dumme Gedanken" kommen. Und so verwundert es nicht, dass in Europa der scheußliche Takt des Sozialabbaus von der abscheulichen Kakophonie des Rechtsextremismus begleitet wird.

Wenn nun heute die Burschenschafter über die Jugendarbeitslosigkeit in Europa diskutieren, dann spucken sie den Betroffenen ins Gesicht. Die soziale "Couleur" der burschenschaftlichen Petition an EU-Kommission und EU-Parlament ist leicht abzukratzen. Das "ungeheure Potential von 7,5 Millionen Arbeitslosen" soll dazu benutzt werden, den "Mangel an Schlüsselarbeitskräften zu beseitigen". Da wird deutlich, dass arbeitslose Jugendliche in den Augen der Burschenschafter in erster Linie Humanressourcen sind. Und der "Rohstoff Mensch" wurde schon immer gern verheizt. Egal, ob nun im übertragenen Sinn (wie im Kapitalismus generell) oder sogar buchstäblich.