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Zero Covid statt Dauerlockdown!

  • Donnerstag, 21. Januar 2021 @ 05:25
Standpunkte Vor wenigen Tagen wurde ein Aufruf gestartet, der binnen kurzer Zeit eine Anzahl von über 70 000 Unterstützer*innen um sich geschart hat. Bemerkenswert ist hierbei die Forderung und die Perspektive, die die Umsetzung dieser Forderung bietet: Die Ermöglichung von Freiheiten, auf die wir seit Monaten verzichten mussten, und ein Ende der Kontaktbeschränkungen. In Neuseeland etwa können wieder Konzerte stattfinden, obwohl Sucharit Bhakdi dort nicht das Gesundheitsministerium übernommen hat. Oder vielleicht gerade deswegen? Lokale, Geschäfte, Schulen, Schwimmbäder, Saunen und Fitnessstudien und Hotels haben seit Monaten ebenso geschlossen wie Museen und Theater. Der Kultur- und Veranstaltungsbereich liegt flach. Auch private Treffen sind nur eingeschränkt möglich, gefeiert wird neuerdings nur in Zoom-Partys. Offiziell zumindest. Immerhin kann man sich draußen treffen, was ist als nichts. Auch Schifahren und Eislaufen ist derzeit möglich, weil diese Tätigkeiten, zumindest an der frischen Luft durchgeführt werden, auch wenn auf überfüllten Eislaufplätzen das Maskentragen vorzuschreiben wäre und in den Gondeln der Infektionsschutz wohl auch trotz der FFP-2-Masken nicht ausreicht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil eine FFP-2-Maske nur dann wirklich deutlich effektiver ist als eine herkömmliche Maske, wenn sie richtig eng anliegend getragen wird und wenn sie oft genug gewechselt wird. Lokalbesitzer*innen können ihr Essen ausliefern. Glühwein wird neuerdings in Flaschen angeboten. Kurz und gut: Mensch hat sich im Lockdown eingerichtet.

Aber eigentlich haben es viele langsam satt. Das dauerhafte Lavieren der Regierung stößt auf immer weniger Verständnis. Seit Anfang November befinden wir uns in diesem Zustand. Ob der Lockdown gerade „hart“ oder „weich“ ist und wie viele Haushalte sich wo treffen dürfen, interessiert kaum mehr irgendjemanden. Was aber das schlimmste an der aktuellen Situation ist, ist das Fehlen einer mittelfristigen Perspektive. Wenn die nun entwickelten Impfstoffe halten, was sie versprechen, dann haben wir das Problem, dass es noch dauert, bis ausreichend Impfdosen vorhanden sind. Aber auch abgesehen davon stehen wir vor weiteren Problemen: Die noch nicht im ausreichenden Maße gegebene Impfbereitschaft der Bevölkerung und die bislang noch fehlenden Erkenntnisse darüber, wie lange der Impfschutz anhält, ob die Impfung auch die Infektion selbst verhindert oder nur vor der Erkrankung und insbesondere vor schweren Verläufen schützt (Stichwort Herdenschutz) und wie lange es dauert, bis die Impfstoffe gegen die dauernd auftretenden Mutanten nicht mehr hinreichend wirken. Auch die Grippeimpfstoffe müssen laufend angepasst werden. So erfreulich die Entwicklung von Impfstoffen auch ist, so wenig sind sie der alleinige Schlüssel zum Ende der Pandemie. Abgesehen davon ist die Kommunikation diesbezüglich verheerend. Nun wird auch gegen Pflegekräfte medial geschossen, die sich (noch) nicht impfen lassen möchten. Das ist das Gegenteil von vertrauenserweckender Kommunikation und erweist dem grundsätzlich begrüßenswerten Impfbestreben einen Bärendienst. Der Vorarlberger Bürgermeister, der sich eine Impfung erschlichen hat und dafür gescholten wurde, hilft diesbezüglich wahrscheinlich mehr als die teuren Werbekampagnen, die nun bezüglich der Impfung anlaufen.

Impfung wirkt erst langfristig

Das Problem ist nicht die Impfung, sondern das, dass nicht mit offenen Karten gespielt wird: Wenn die Impfung vor der Infektion schützt, dann kann ich durch die Impfung auch andere schützen. Wenn sie nur vor der Erkrankung und vor allem vor einem schweren Verlauf schützt, dann schütze ich mich in erster Linie selbst. Wenn der Schutz aber vielleicht nur ein Jahr anhält, dann muss ich den Vorgang nach Ablauf eines Jahres wiederholen. Aber all das wissen wir noch nicht ausreichend. Es gibt freilich wenig Grund, sich vor nicht entdeckten Impfschäden zu fürchten. Denn diese werden in der Regel bald entdeckt. Wenn sie nicht entdeckt werden, dann in erster Linie deshalb, weil sie so selten sind, dass sie in den Testgruppen nicht festgestellt werden. Wenn aber bei einer Anzahl von gut 20 000 Geimpften keine Langzeitschäden festzustellen sind, dann kann von ausreichender Sicherheit ausgegangen werden.

Die Testung des Impfstoffs von Biontech-Pfizer fand übrigens in Brasilien statt – ein Land, das von Jair Bolsonaro zu einem Großraumlabor für Covid-19 umfunktioniert wurde. Wer sich als Versuchskaninchen von Big Pharma betrachtet, soll sich vor Augen führen, dass es Mäuse und Frettchen diesbezüglich viel schlechter ergeht, wenn sie bewusst mit den Viren infiziert werden, und dass Impfstoffe meist in Ländern getestet werden, wo auch die Krankheit, gegen die geimpft wird, häufig genug auftritt. Auch Kuba muss seinen Impfstoff im Iran testen, da der Karibikstaat dank effektiver Eindämmungsmaßnahmen zu niedrige Infektionszahlen für eine valide Testung aufweist. Daher ist es für die Testpersonen in der Regel gefährlicher, mit dem Placebo-Impfstoff versorgt zu werden als mit dem echten. Wie funktionstüchtig der Kapitalismus in Gesundheitsfragen ist, sieht man auch daran, dass die Impfstoffe in den Regionen, wo er getestet wurde, als letztes zugänglich wird. Obwohl die Pharmakonzerne öffentliche Subventionen in Milliardenhöhe erhalten und sogar die Haftung für etwaige Impfschäden von der öffentlichen Hand übernommen werden, können sie sich die Patente sichern. Die Forderung von UN-Generalsekretär Guterres, dass dieser Impfstoff Allgemeingut werde, verpufft im Business mit Big Pharma ungehört. Da könnte die öffentliche Hand gleich selbst die Impfstoffe entwickeln und produzieren, wenn sie ohnehin den Löwenanteil der Kosten trägt.

Pandemie braucht Strategie

Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Pandemie noch einige Zeit dauern wird, mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt. Die Frage stellt sich, wie die Gesellschaft damit umgeht.

Eine Normalität des gesellschaftlichen Lebens ist jedenfalls so nicht möglich. Über 7 000 Menschen sind in Österreich schon an und mit Covid-19 gestorben. Seit Ende Oktober sind es immerhin gut 6 000, und zwar trotz der Eindämmungsmaßnahmen, die allerdings sehr spät eingesetzt haben. Zum Vergleich: Die außergewöhnlich schwere Grippewelle 2016/2017 forderte etwa 4 500 Todesopfer. Laut Schätzungen sterben weltweit jährlich etwa 700 000 Menschen an saisonaler Influenza, etwa 500 000 Menschen an Malaria und ebensoviele an Gewaltverbrechen, etwa 800 000 Menschen begehen Selbstmord, an AIDS etwa eine Million, an Verkehrsunfällen und Hepatitis je etwa 1,4 Millionen Menschen und Tuberkulose gilt sogar als weltweit tödlichste Infektionskrankheit mit etwa 1,5 Millionen Todesfällen jährlich. Dem gegenüber hat Covid-19 seit seinem Auftauchen über 2 Millionen Menschenleben gefordert und damit im weltweiten Bodycount der Infektionskrankheiten den Spitzenplatz eingenommen. Dass es nicht deutlich mehr Todesopfer sind, ist den rigorosen Eindämmungsmaßnahmen zu verdanken die beispielsweise in China getroffen wurden. Bereits im Mai hat eine Studie zur Sterblichkeit in der von Covid-19 betroffenen italienischen Gemeinde Nembro deutlich, wo innerhalb des Monats ebensoviele Menschen starben wie sonst in einem ganzen Jahr. Und in Manaus in Brasilien kam es nach dem ersten verheerenden Ausbruch im Frühjahr nun zu einem zweiten nicht minder schweren, obwohl laut einer Seroprävalenzstudie dreiviertel der Getesteten Antikörper hatten, d.h. eigentlich eine Herdenimmunität hätte gegeben sein müssen. Auf einem natürlichen Wege eine Herdenimmunität anzustreben ist also nicht nur mit exorbitanten Sterberaten und Erkrankungen mit Langzeitfolgen verbunden, sondern letztlich womöglich sogar unerreichbar, weil das Virus immer wieder mutiert oder die erworbene Immunität nur temporär ist.

Bereits am Anfang der Pandemie bestand eine große Unklarheit in der Kommunikation darüber, was das Ziel der Maßnahmen sein sollte. Der erste Lockdown wurde mit dem Schutz des Gesundheitswesens gerechtfertigt. Als dieses Ziel erreicht wurde und die Katastrophe nicht eintrat, wurde die Kritik an der Unverhältnismäßigkeit laut. Die niedrigen Infektionszahlen im Sommer suggerrierten, dass wir mit dem Virus leben könnten. Und die Stimmen für mildere Strategien wurden immer lauter. Der Lobbyismus für eine rasche und kopflose Öffnung und einer Laissez-Faire-Politik gegenüber dem Virus wurde stärker und stärker. Sogar die Bundesregierung ließ sich dazu hinreißen, zu versprechen, dass es keinen zweiten Lockdown geben werde. Und auch wenn man Kurz nicht allzu viel glauben sollte, darf man hier davon ausgehen, dass er dieses Versprechen gerne eingehalten hätte. Allein der rapide Anstieg der Fallzahlen und drohende Überlastung der Spitäler zwang die Bundesregierung dazu, das Versprechen zu brechen. Seither befinden wir uns im Dauerlockdown. Die Zahlen sinken zwar, aber nicht schnell genug. Es bleibt kein Spielraum, die Zügel zu lockern. Die Mutation B 1.1.7, die noch ansteckender ist, droht die Sache noch zu verschlimmern und zwingt die Regierung, jetzt noch schärfere Verordnungen zu erlassen. Ob diese vielmehr bringen, als das Schlimmste zu verhindern, ist wirklich fraglich. Denn im Gegensatz um ersten Shutdown im März ist die jetzige Situation eine andere. Verkehrsmäßig ist dieser Lockdown kaum wahrnehmbar. Die meisten Betriebe, die nicht gerade Kundenkontakt haben, sind weiterhin geöffnet. „Systemrelevanz“ wird weiter ausgelegt als im Frühjahr. Da ist es wenig verwunderlich, dass der Shutdown weniger bewirkt als im Frühjahr.

In der Arbeitswelt ist das Virus vielfach ein Tabu. Und gleichzeitig gilt es als ein Tabu, offen die Frage zu stellen, ob wir so weiterwurschteln wollen. Immer am Rande der Katastrophe entlang. Einige Länder haben sich mit einer massiven Eindämmungsstrategie einen für uns regelrecht undenkbare Freiheiten erkauft. Neben China haben auch Australien, Neuseeland und mehrere südostasiatische Länder derartige Strategien angewandt. Man setzte darauf, das Virus einzudämmen durch einen extrem strengen Lockdown bis die Fallzahlen so niedrig wurden, dass die Gesundheitsämter sämtliche Infektionsketten verfolgen konnten und die Betreffenden gezielt in Quarantäne stecken konnten. Diese Strategie hatte nicht nur die Folge, dass viele Erkrankungen und Sterbefälle verhindert werden können und das Gesundheitssystem nicht überlastet ist, sondern dass gesellschaftliches Leben wieder stattfinden kann, dass soziale Kontakte kein Problem mehr darstellen und dass nicht nur der Handel und Schulen, sondern auch Lokale, Sportstätten, Museen, Theater und viele andere Bereiche wieder öffnen können und wieder die Normalität einkehren kann, die viele derjenigen, die mit den Querdenkern sympathisieren, schon lange herbeisehnen. Nicht einmal die einigen verhassten Masken müssten dann mehr getragen werden. Ja sogar Konzerte könnten wieder stattfinden. Und Fußballspiele müssten nicht mehr als Geisterspiele veranstaltet werden. Das ist die Realität in Ländern mit einer konsequenten Eindämmungsstrategie, weil dort die Fallzahlen so niedrig sind, dass mit extrem zielgerichteten Maßnahmen das Infektionsgeschehen eingedämmt werden kann. Ein weiterer Vorteil dieser Maßnahme ist die massive Absenkung der Wahrscheinlichkeit des Auftretens von neuen Mutanten, gegen die der bisher entwickelte Impfstoff nicht mehr wirkt. Der einzige Bereich, wo diese Restriktionen noch immer vorhanden sind, sind die Einreisebestimmungen. Das scheint innerhalb der EU zwar ein Problem zu sein. Doch es wäre lösbar, wenn es eine gesamteuropäische koordinierte Strategie gäbe, um einen Pingpong-Effekt zu vermeiden.

Genau diese Strategie im Umgang mit der Pandemie haben nun zahlreiche Wissenschafter*innen von der Politik eingefordert und sie haben festgehalten, dass die Sieben-Tage-Inzidenz auf unter 10 pro 100 000 Einwohnern gesenkt werden müsse, um den Gesundheitsämtern eine effektive Kontaktverfolgung zu ermöglichen, mit der sämtliche auftretende Infektionsketten unterbrochen werden könnten. Umgerechnet auf Österreich bedeutet das, dass nicht mehr als etwa 120 Fälle pro Tag auftreten dürften, ehe man mit der behutsamen Öffnung beginnt. Auf diese Weise könnten wir das Heft selbst wieder in die Hand nehmen und den Widerspruch zwischen Infektionsschutz und gesellschaftlichem Leben auflösen. Der Aufwand ist enorm, aber er lohnt sich. Denn der jetzige Zustand ohne konkrete Aussicht auf nachhaltige Besserung ist nicht mehr länger auszuhalten.

Die jetzt notwendige Kraftanstrengung ist enorm. Nun müssten weite Teile der Wirtschaft stillgelegt werden und die Kontakte noch einmal massiv reduziert werden. Es muss sichergestellt werden, dass die Zahlen massiv hinuntergehen. Gleichzeitig muss den Menschen diese Anstrengung durch soziale Absicherung ermöglicht werden. All die Bereiche, die im März 2020 absolut dichtgemacht wurden, müssten wieder ebenso geschlossen werden. Die Straßen müssten jetzt wieder ebenso leer sein wie damals. Aber wenn wir das für ein paar Wochen hinbekämen, dann könnten wir das Heft in die Hand nehmen und behutsam wieder öffnen, während gleichzeitig die Gesundheitsämter massiv aufgerüstet werden. Die Kosten dafür sind freilich enorm, aber nichts im Vergleich zu dem, was die Gesellschaft derzeit durchmacht.

Zero Covid

Genau das fordert auch die Initiative Zero Covid, die den Aufruf der Wissenschafter*innen aufgreift und um wesentliche Elemente ergänzt. Sie fordert eine soziale Absicherung für alle ein, einen Ausbau des Gesundheitswesens, eine Vergesellschaftung der Produktion von Medikamenten und Impfstoffen, damit diese allen Menschen zugänglich werden, und eine solidarische Finanzierung der Folgekosten des Shutdowns, sodass die Reichen dafür entsprechend zur Kasse gebeten werden und Geringverdiener*innen entlastet werden. Diese hat meine meine vollste Unterstützung, weil sie einen solidarischen Ausweg aus der aktuellen Krise bietet. Daher lege ich allen ans Herz, diese auch zu unterschreiben. Den Link zum Aufruf gibt es hier:

https://weact.campact.de/petitions/ze...n-shutdown

Dieser Aufruf löst nicht nur bei bürgerlichen Liberalen (Umverteilung und Vergesellschaftung), sondern auch und gerade bei den Querdenkern Schnappatmung aus. Denn letztere mobilisieren ja die Menschen, indem sie die Pandemie leugnen, bzw für beendet erklären. Alle ihre Prognosen scheitern an der Realität. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, dass die scheinbare Auswegslosigkeit der jetzigen Wirklichkeit genügend Leute in die Verzweiflung treibt, sodass sie bereit sind, die Augen vor den Fakten zu verschließen. Doch ihre Version scheitert spätestens dann, wenn sie auf ihre Stichhaltigkeit überprüft wird. Dieser Aufruf macht ein weitaus besseres Angebot als die Querdenker:

Er ist ein Angebot, diese Pandemie nicht nur mit möglichst wenigen Opfern und möglichst rasch zu beenden, sondern auch wesentlich schneller wieder aufmachen und feiern zu können, als es die aktuell praktizierte Strategie verspricht.

Roland Steixner


Weiterführende Links:

https://www.tt.com/artikel/17747906/i...kuendigung

https://www.aerztezeitung.de/Nachrich...15503.html

https://www.dw.com/de/beim-wettlauf-u...a-53277751

https://www.deutsche-apotheker-zeitun...-impfstoff

https://www.aerzteblatt.de/nachrichte...fs-im-Iran

https://www.br.de/nachrichten/wissen/...lt,RCDj6Gp

https://www.charite.de/service/presse...aendig_ab/

https://www.deutsche-apotheker-zeitun...ckeln-kann

https://www.containcovid-pan.eu/

https://www.t-online.de/nachrichten/d...-ziel.html

https://www.semiosis.at/2021/01/19/kr...-pandemie/

https://www.semiosis.at/wp-content/up...ategie.pdf

https://zero-covid.org/