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Gesellschaft, Gesundheit und Geopolitik: Überlegungen zur Covid-Impfung

  • Mittwoch, 30. Juni 2021 @ 17:48
Standpunkte Die Impfkampagne in Österreich läuft. Mehr als die Hälfte der Menschen in Österreich hat bereits mindestens eine Impfdosis erhalten. Ein knappes Drittel ist bereits vollständig geimpft. Vor diesem Hintergrund besteht berechtigter Grund zur Hoffnung, dass sich Verhältnisse wie im Winterhalbjahr 2020/21 nicht mehr wiederholen, auch wenn die Delta-Variante Expert*innen tatsächlich Sorgen bereitet. Vollständig Geimpfte sollten jedoch nach bisherigen Erkenntnissen auch dieser Mutation ausreichend geschützt sein. Impfung ist Akt der Solidarität

Vor diesem Hintergrund ist es ausgesprochen wichtig, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Denn die Impfung schützt bekanntlich nicht nur die Geimpften selbst, sondern verringert auch die Übertragungswahrscheinlichkeit und bietet daher auch einen gewissen Schutz für diejenigen, die sich nicht impfen lassen können oder keinen ausreichenden Immunschutz aufbauen können. Impfen ist im Fall von hochansteckenden Krankheiten daher auch ein Akt der Solidarität.

Debatte um die Covid-Impfung von Kindern und Jugendlichen

Intensiv debattiert wird derzeit, ob auch Kinder und Jugendliche geimpft werden sollen oder nicht. Dazu muss eindeutig geklärt sein, ob auch hier die Nutzen-Risiko-Bilanz positiv ausfällt. Da die zugelassenen Impfstoffe gemäß den bisher verfügbaren Daten ausgesprochen sicher sind, ist damit zu rechnen, dass das der Fall ist. Denn sämtliche mittlerweile bekannten unerwünschten Nebenwirkungen wie etwa Thrombosen, Guillain-Barré-Syndrom oder möglicherweise Myokarditis können auch durch eine Infektion mit SARS-CoV-2 hervorgerufen werden, und zwar häufiger als durch die Impfung. Vor einem generell hohen Infektionsrisiko ist das Risiko eines Impfschadens verschwindend gering. Das hat sich bislang bei praktisch allen zugelassenen Impfstoffen gezeigt. Zudem werden Impfstoffe bei denen das Nutzen-Risiko-Verhältnis nicht negativ, aber doch nicht hinreichend positiv ist, weil sich bei breiter Anwendung doch eine hohe Anzahl von Impfschäden manifestiert, wie etwa bei den berüchtigten Grippeimpfstoff Pandemrix, üblicherweise bald vom Markt genommen.

Die Sicherheitsanforderungen an einen Covid-Impfstoff für Kinder sind ausgesprochen hoch, gerade weil bei Kindern schwere Covid-Verläufe sehr selten sind und nicht nur die Schäden im Falle einer möglichen Infektion, sondern auch die generelle Infektionswahrscheinlichkeit einzupreisen ist. Die Daten aus der brasilianischen Gemeinde Serrana etwa, wo praktisch die gesamte erwachsene Bevölkerung geimpft wurde, legen nahe, dass sich durch eine breite Durchimpfung der Erwachsenen eine Herdenimmunität bildet, die letztlich auch die ungeimpften Kinder und Jugendlichen ausreichend schützt. Daher empfiehlt die WHO angesichts des Impfstoffmangels in weiten Teilen der Welt folgerichtig die generelle Durchimpfung von Kindern und Jugendlichen nicht. Ehe nicht weltweit alle Erwachsenen Zugang zur Covid-Impfung haben, ist die Impfung von Kindern und Jugendlichen, sofern nicht andere Indikationen vorliegen, die einen schweren Covid-Verlauf befürchten lassen (z.B. Diabetes oder Trisomie 21), aus der Perspektive der WHO eine Vergeudung des weltweit für Erwachsene weitaus dringender benötigten Impfstoffes. Festzuhalten ist jedoch, dass die Lockerung von Maßnahmen, die den Alltag von Kindern und Jugendlichen massiv einschränken, besondere Priorität haben muss.

Impfgegner*innen sind nicht das Problem

Die Stimmungsmache der Impfgegner*innen sollte nicht überbewertet werden. Die breite Mehrheit teilt ihre Ansichten nicht. Eine Impfpflicht und vor allem die Debatten darum sind hierzulande absolut überflüssig. Auch der im OECD-Vergleich niedrige Impfschutz gegenüber anderen Infektionskrankheiten bei Erwachsenen hat eher strukturelle als ideologische Gründe. Würden sämtliche von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen kostenlos angeboten und gäbe es größere gesellschaftliche Anstrengungen, über den Nutzen von Auffrischungsimpfungen aufzuklären und alle Menschen in Österreich, die dies wollen, auch zu impfen, ließen sich die Impfquoten aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich steigern. Finanziell rechnen sich solche Impfprogramme angesichts der Vermeidung von langwierigen und kostenintensiven Behandlungen ohnehin. Das ist eine Erkenntnis, die uns gerade angesichts der aktuellen Pandemie bewusster werden sollte. Es ist erfreulich, dass es diesbezüglich bereits einen Vorstoß von ÖGK-Arbeitnehmer*innen-Obmann Andreas Huss gibt.

Fake News über Impfstoffe aus "missliebigen" Staaten sind kontraproduktiv

Zur globalen Impfkampagne ist festzuhalten, dass es weltweit massive Anstrengungen gibt, die Pandemie mit unterschiedlichsten Impfstoffen zu bekämpfen. Während die MRNA-Impfstoffe, allem voran der Impfstoff Biontech-Pfizer, hierzulande als "Joker" behandelt werden, haben russische und chinesische Impfstoffe von der westlichen Presse eher einen schlechten Ruf. Hier werden sogar bisweilen ausgesprochen tendenziöse Meldungen verbreitet. Es mag sein, dass beispielsweise Totimpfstoffe, wie etwa der Impfstoff von Sinovac, nicht die durchschlagende Effektivität von MRNA-Vakzinen besitzen. Doch auch sie schützen vor schweren Verläufen und können bei entsprechend hoher Durchimpfungsrate auch das Infektionsgeschehen eindämmen, wie gerade das Beispiel der brasilianischen Gemeinde Serrana eindrucksvoll zeigt. Sputnik V, ein Vektorimpfstoff, weist jedenfalls gemäß den bekannten Daten eine sehr gute Wirksamkeit auf, die die von Astrazeneca deutlich übertrifft. Russland hat jedoch bislang eine relativ niedrige Durchimpfungsrate, was auch den doppeldeutigen Signalen, die etwa Putin selbst bezüglich der Impfung aussendet, zu verdanken ist. Doch die Impfstoffe aus Russland und China spielen in der weltweiten Impfkampagne eine wichtige Rolle. Schlechte Presse gegenüber einzelnen Impfstoffen, die allein politischen oder geostrategischen Motiven geschuldet ist, erweist sich in Hinblick auf das gemeinsame Ziel einer möglichst raschen und umfassenden Durchimpfung der Weltbevölkerung als kontraproduktiv.

Kubas Erfolg beweist: Impfstoffentwicklung geht auch anders!

Bemerkenswert sind zudem die Erfolge, die Kuba in der Impfstoffentwicklung vorzuweisen hat. Der Konjugatimpfstoff Soberana 02 weist gemäß der Auswertung nach zwei Dosen des dreidosigen Impfschemas eine Wirksamkeit von 62 Prozent aus. Die dritte Dosis mit Soberana Plus wird diese Effektivität aller Wahrscheinlichkeit noch einmal deutlich erhöhen, sodass sich der Impfstoff des Finlay-Instituts in die Liga der wirksamsten Vakzine einreihen könnte. Für den Proteinimpfstoff Abdala des CIGB liegen diese Daten hingegen bereits vollständig vor und weisen eine Wirksamkeit von über 92 Prozent aus. Damit verfügt Kuba bislang über zumindest einen Impfstoff mit einer ähnlich guten Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Biontech-Pfizer, Moderna oder Sputnik V. Das ist eine gute Nachricht für viele. Denn Kuba, dessen Ärztebrigaden weltweit unzählige Leben bereits gerettet haben, beweist auch in der weltweiten Impfpolitik Solidarität durch humane Konditionen bei der Vergabe von Impfstoffen und Lizenzen zur Eigenproduktion und durch Spenden an besonders bedürftige Länder.

Die Kompetenz Kubas auf dem Gebiet der Impfstoffentwicklung wird in Fachkreisen einhellig anerkannt und auch in der hiesigen Berichterstattung nicht in Frage gestellt. Sie ist übrigens ein Erbe Castros, der den Aufbau eines starken staatlichen biopharmazeutischen Sektors maßgeblich vorangetrieben hat. Das Ergebnis sind mehrere bewährte Impfstoffe und Medikamente Marke Eigenbau, deren Wichtigkeit für die kubanische Bevölkerung und der vieler ärmerer Länder nicht hoch genug bewertet werden kann. Aus kommunistischer Perspektive zeigt Kuba jedenfalls auf, dass die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten eben nicht notwendigerweise das Produkt freier Märkte sind, die in Hinblick auf die Impfstoffentwicklung ohnedies auf öffentlich finanzierte Grundlagenforschung und öffentliche Gelder zur Subventionierung der Impfstoffentwicklung zurückgreifen, sondern dass ein vergesellschafteter Sektor nicht weniger innovativ und leistungsfähig ist. Wenn das wirtschaftlich schwache Kuba sogar trotz der massiven Einschränkungen den Aufbau und die Unterhaltung eines dermaßen leistungsfähigen staatlichen Sektors hinbekommt, was wäre dann erst möglich, wenn wirtschaftlich deutlich stärkere Länder die Produktion von Impfstoffen und Medikamenten in die eigene Hand nehmen?

Die KPÖ fordert folgerichtig über die Freigabe der Impfstoffpatente hinaus eine langfristige Strategie zu einem Aufbau einer staatlichen Pharmasektors und generell eine Vergesellschaftung der Pharmaindustrie. Aus gutem Grund: Mit der Gesundheit der Menschen dürfen keine Profite gemacht werden.

Roland Steixner

https://info.gesundheitsministerium.gv.at/

https://www.aerzteblatt.de/nachrichte...ch-Impfung

https://dgn.org/presse/pressemitteilu...ausloesen/

https://www.aerztezeitung.de/Nachrich...20218.html

https://www.aerztezeitung.de/Medizin/...49444.html

https://www.aerzteblatt.de/nachrichte...e-ausloest

https://www.spektrum.de/news/corona-i...19/1884883

https://www.sozialministerium.at/Them...reich.html

https://www.ots.at/presseaussendung/O...uebergehen

https://www.manager-magazin.de/untern...75bb8562a0

https://www.kleinezeitung.at/lebensar...er-Karibik

https://www.dw.com/de/abdala-kubas-ne...a-58037486